Stimmen

Gitarre stimmen ohne Stimmgerät: So geht es nach Gehör

Bundmethode, Flageolett und Oktavprobe: drei Wege, die Gitarre ohne Gerät in sich zu stimmen, und wie du lernst, Schwebungen sicher zu hören.

Bundmethode in Kurzform

  1. Bezugston festlegen

    Tiefe E-Saite nach einem Klavier, einer Stimmgabel oder einem anderen Instrument stimmen. Ohne Bezug bleibt sie, wie sie ist.

  2. A-Saite

    Tiefe E-Saite im 5. Bund greifen. Die leere A-Saite so stimmen, dass beide Töne gleich klingen.

  3. D- und G-Saite

    A-Saite im 5. Bund ist der Bezug für die leere D-Saite, D-Saite im 5. Bund für die leere G-Saite.

  4. H-Saite

    Ausnahme: G-Saite im 4. Bund greifen und die leere H-Saite danach stimmen.

  5. Hohe e-Saite und Kontrolle

    H-Saite im 5. Bund ist der Bezug für die hohe e-Saite. Danach mit einem Akkord wie E-Dur oder G-Dur prüfen.

Ohne Stimmgerät stimmst du die Gitarre in sich: Eine Saite dient als Bezug, und jede weitere Saite wird mit einem gegriffenen Ton ihrer Nachbarsaite verglichen. Die bekannteste Methode ist die Bundmethode über den 5. Bund, mit einer Ausnahme an der H-Saite. Genauer wird es, wenn du zusätzlich Flageolett-Töne und Oktaven zur Kontrolle nutzt.

Das Stimmen nach Gehör ist mehr als ein Notbehelf für den Tag, an dem die Batterie im Clip-Stimmgerät leer ist. Es schult das Hören von kleinen Tonhöhenunterschieden, und genau dieses Gehör brauchst du später beim Nachspielen von Liedern, beim Zusammenspiel und beim Erkennen schiefer Töne. Die Grundlagen zur Standardstimmung und zu Stimmgeräten stehen im Ratgeber Gitarre stimmen.

Vorher: Bezugston oder Stimmung in sich

Beim Stimmen nach Gehör gibt es zwei Situationen.

Mit Bezugston: Du hast einen verlässlichen Ton, etwa von einem Klavier, einem Keyboard, einer Stimmgabel oder einer App, die einen Referenzton abspielt. Du stimmst eine Saite danach und richtest alle anderen an ihr aus. Ergebnis: Die Gitarre liegt auf der richtigen Tonhöhe und passt zu anderen Instrumenten.

Ohne Bezugston: Du nimmst die tiefe E-Saite so, wie sie gerade klingt, und stimmst den Rest danach. Ergebnis: Die Gitarre klingt mit sich selbst richtig, liegt aber eventuell insgesamt etwas zu hoch oder zu tief. Allein zu Hause ist das kein Problem. Achte nur darauf, dass die Bezugssaite nicht stark verstimmt ist, sonst geraten alle Saiten unter zu viel oder zu wenig Spannung.

Eine klassische Stimmgabel gibt den Kammerton a mit 440 Hz. Diesen Ton findest du auf der Gitarre an zwei Stellen: auf der hohen e-Saite im 5. Bund und als Flageolett auf der A-Saite über dem 5. Bund. Mit der Stimmgabel stimmst du also zuerst die A-Saite oder die hohe e-Saite und arbeitest dich von dort aus weiter.

Methode 1: Die Bundmethode

Die Bundmethode nutzt den Abstand zwischen den Saiten. In der Standardstimmung liegen benachbarte Saiten fünf Halbtöne auseinander, mit einer Ausnahme: Zwischen G- und H-Saite sind es nur vier. Daraus ergibt sich diese Tabelle:

Gegriffener Ton Muss klingen wie Gestimmte Saite
Tiefe E-Saite, 5. Bund leere A-Saite A
A-Saite, 5. Bund leere D-Saite D
D-Saite, 5. Bund leere G-Saite G
G-Saite, 4. Bund leere H-Saite H
H-Saite, 5. Bund leere hohe e-Saite e

So gehst du vor:

  1. Schlage den gegriffenen Ton an und lass ihn klingen.
  2. Schlage direkt danach die leere Saite an, sodass beide Töne gemeinsam klingen.
  3. Hör auf die Schwebung. Ein schnelles Wabern bedeutet einen großen Abstand, ein langsames einen kleinen.
  4. Drehe an der Mechanik der leeren Saite in kleinen Schritten, bis das Wabern verschwindet.

Die Methode hat einen bekannten Nachteil: Kleine Fehler addieren sich. Ist die A-Saite minimal zu hoch, wird es die D-Saite auch, und am Ende kann die hohe e-Saite deutlich danebenliegen. Deshalb lohnt sich am Schluss immer eine Kontrolle mit Oktaven oder Akkorden.

Methode 2: Flageolett-Töne

Flageolett-Töne entstehen, wenn du eine Saite nur ganz leicht direkt über einem Bundstäbchen berührst, ohne sie herunterzudrücken, und sie dann anschlägst. Nimm den Finger kurz nach dem Anschlag weg. Es entsteht ein heller, glockenartiger Ton, der lange klingt. Weil beide Hände frei sind, während die Töne klingen, kannst du bequem an der Mechanik drehen.

Flageolett auf Vergleich mit Gestimmte Saite
Tiefe E-Saite, 5. Bund A-Saite, 7. Bund A
A-Saite, 5. Bund D-Saite, 7. Bund D
D-Saite, 5. Bund G-Saite, 7. Bund G
Tiefe E-Saite, 7. Bund leere H-Saite H
H-Saite, 5. Bund hohe e-Saite, 7. Bund e

Ein Hinweis für Genauigkeitsfans: Flageolett-Töne erzeugen naturreine Intervalle. Die Gitarre ist aber auf die gleichstufige Stimmung ausgelegt, in der die Quarten minimal von den naturreinen abweichen. Der Unterschied ist sehr klein, kann sich über mehrere Saiten aber summieren. Für die meisten Anfänger spielt er keine Rolle, eine Kontrolle über Oktaven gleicht ihn aus.

Methode 3: Kontrolle über Oktaven

Oktaven klingen besonders klar zusammen, deshalb hörst du Abweichungen hier gut. Nutze sie als Gegenprobe, nachdem du mit der Bund- oder Flageolett-Methode gestimmt hast.

Leere Saite Gegriffener Vergleichston Ton
Tiefe E-Saite D-Saite, 2. Bund E eine Oktave höher
A-Saite G-Saite, 2. Bund A eine Oktave höher
D-Saite H-Saite, 3. Bund D eine Oktave höher
G-Saite hohe e-Saite, 3. Bund G eine Oktave höher
Tiefe E-Saite leere hohe e-Saite zwei Oktaven höher

Der letzte Vergleich ist besonders aussagekräftig: Wenn die beiden E-Saiten sauber zusammen klingen, ist die Kette über alle Saiten hinweg nicht weggelaufen.

Akkorde als Abschlusstest

Zum Schluss greifst du ein paar Akkorde, die viele Leersaiten enthalten, etwa E-Dur, G-Dur und D-Dur. Klingt einer davon schief, prüfe die Saiten einzeln. Typisch ist, dass die H-Saite oder die hohe e-Saite leicht danebenliegt, weil sich an der Ausnahme im 4. Bund und am Ende der Stimmkette die meisten Fehler sammeln. Ein Akkord, der in der ersten Lage gut und weiter oben am Hals schief klingt, deutet dagegen eher auf die Einstellung der Gitarre hin als auf das Stimmen.

Das Gehör trainieren

Viele Einsteiger hören anfangs nicht, ob ein Ton zu hoch oder zu tief ist. Das ist normal und lässt sich üben:

  • Bewusst verstimmen: Stimme eine Saite deutlich zu tief und nähere dich dann langsam dem Zielton. Achte darauf, wie das Wabern langsamer wird.
  • Von unten stimmen: Liegt der Ton zu hoch, entspanne die Saite erst etwas unter den Zielton und stimme dann hoch. Die Saite hält so besser, und du hörst die Annäherung klarer.
  • Mitsummen: Summe den gegriffenen Ton leise mit. Dann summe den Ton der leeren Saite. Oft spürst du in der Stimme eher als im Ohr, ob der zweite Ton höher oder tiefer liegt.
  • Mit Gerät gegenprüfen: Stimme nach Gehör und kontrolliere danach mit einem Stimmgerät oder einer App. So siehst du, welche Saiten du regelmäßig zu hoch oder zu tief stimmst.

Stimmen mit anderen Instrumenten

Sobald du mit anderen zusammenspielst, reicht die Stimmung in sich nicht mehr. Alle Instrumente brauchen denselben Bezug. Am einfachsten ist es, die Gitarre nach einem Instrument zu stimmen, das sich nicht oder nur schwer umstimmen lässt, etwa einem Klavier oder Keyboard. Lass dir dort ein E oder ein A vorspielen, stimme die passende Saite danach und richte die übrigen Saiten wie oben beschrieben aus.

Spielen mehrere Gitarren zusammen, stimmt am besten eine Person zuerst und gibt den anderen ihre Töne vor. Wichtig ist, dass alle denselben Bezugston verwenden. Wenn zwei Gitarren jeweils in sich sauber gestimmt sind, aber unterschiedliche Bezüge hatten, klingen sie zusammen schief, obwohl jede für sich richtig klingt.

Wie oft nachstimmen?

Prüfe die Stimmung vor jeder Übungseinheit und nach längeren Pausen. Neue Saiten, Temperaturwechsel und kräftiges Spielen verschieben sie schneller. Mit etwas Routine reicht oft ein kurzer Vergleich der Oktaven, um zu merken, ob eine Saite nachgezogen werden muss. Je öfter du nach Gehör stimmst, desto schneller hörst du auch beim Spielen, wenn eine Saite wegläuft.

Typische Fehler

Fehler Folge Lösung
Gegriffener Ton zu fest gedrückt Ton wird leicht zu hoch locker und dicht am Bundstäbchen greifen
Mechanik in großen Schritten gedreht Ziel wird ständig überschritten nur kleine Drehungen, dann neu hören
Falsche Mechanik gedreht andere Saite verstimmt Saite mit dem Finger bis zur Mechanik verfolgen
H-Saite im 5. statt im 4. Bund verglichen H und hohe e-Saite liegen falsch Ausnahme merken: G-Saite, 4. Bund
Keine Kontrolle am Ende Fehler summieren sich Oktaven und Akkorde prüfen

Wer das Stimmen nach Gehör beherrscht, kann auch alternative Stimmungen ohne Gerät einstellen. Für den Einstieg in eine andere Stimmung eignet sich die Drop-D-Stimmung, bei der nur die tiefste Saite verändert wird. Weitere Grundlagen für den Start mit der Gitarre findest du im Ratgeber Gitarre lernen für Anfänger.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Ist die Gitarre nach Gehör richtig gestimmt?
Sie ist in sich gestimmt, also stimmen die Saiten untereinander. Ob sie auch auf der exakten Tonhöhe liegt, hängt davon ab, ob du am Anfang einen verlässlichen Bezugston hattest. Für das Spielen allein reicht die Stimmung in sich, für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten brauchst du einen gemeinsamen Bezug.
Warum ist die H-Saite die Ausnahme?
Zwischen allen anderen benachbarten Saiten liegt eine Quarte, also fünf Halbtöne. Deshalb entspricht der 5. Bund der tieferen Saite der nächsten leeren Saite. Zwischen G- und H-Saite liegt nur eine große Terz mit vier Halbtönen, darum greifst du dort im 4. Bund.
Was ist eine Schwebung?
Wenn zwei Töne fast, aber nicht ganz gleich hoch sind, entsteht ein hörbares Wabern im Klang. Je näher die Töne beieinanderliegen, desto langsamer wird es. Verschwindet das Wabern, sind beide Töne gleich gestimmt.
Kann ich mit dem Handy einen Bezugston erzeugen?
Ja. Es gibt Apps und Webseiten, die einen Referenzton abspielen, etwa den Kammerton a. Damit stimmst du eine Saite und richtest die übrigen nach Gehör daran aus. Das trainiert das Gehör, auch wenn die App selbst kein Stimmgerät ist.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion Saitenfabrik.